Amr Wael : Der Takt der Angst


Ich bin eigentlich mit meiner neuen Wohnung zufrieden. Schöne Räume, große Fenster, bunte Wände und dazu auch moderne Möbel. Das einzige Problem – und auch der [einzige] Grund für den günstigen Preis – ist das nicht Vorhandensein eines Elevators. Ich habe sowieso schlechte Erfahrung mit vorherigen Elevatoren, also ist es nicht so problematisch.
Jedoch bedeutet das immer noch, dass ich die Treppen jeden Tag nehmen muss; und das bedeutet auch, dass ich an meinen Nachbarn täglich vorbeigehen muss, da ich im dritten Stock wohne.

Das Grundstockwerk hat keine Wohnungen; nur ein Standardpostfach für die sechs Wohnungen im Gebäude; es befinden sich zwei Wohnungen je Stockwerk.

Das Klopfen fing vor zwei Tagen an; nachts! Ich lachte, als ich erkannt hatte, dass der Lärm vom unteren Bettzimmer kam; die Wohnung der Hartmanns! Louisa und Wolfgang Hartmann waren ein altes Ehepaar in den 50er Jahren. Ich dachte, es wäre einfach geräuschvoller Verkehr.  Als ich mehr darüber nachdachte, vermutete ich, das Geräusch käme nicht von ihrem Bett, sondern mehr aus ihrer Garderobe. Ich habe aber versucht, mir darüber nicht zu viele Gedanken zu machen.

Jedoch habe ich gestern darüber intensiv nachgedacht, als ich von der Arbeit zurückkam: Das Klopfen war nicht nur lauter, sondern es war kontinuierlich; es schien einfach nicht stoppen zu wollen! Es waren nicht nur die paar Minuten nachts, sondern jetzt die ganze Nacht. Und egal, wie viele Stunden sie pro Tag Verkehr ausüben, oder wie viele Pillen sie genommen haben, ich glaube nicht, dass es so lange dauern würde.

Stattdessen habe ich gedacht, es wäre eine Fehlfunktion in einem Generator oder in ihrer Waschmaschine oder was auch immer. Es ging mich nichts an; glaubte ich wenigstens.
Aber ich lag falsch! Mit der Zeit wurde ich immer neugieriger und intrigierter. Ich wollte wissen, was dort drinnen geschieht.

Ich wollte nichts sagen – Hartmanns waren schließlich eine ganz nette Familie –, aber als ich Hans, der im ersten Stockwerk wohnt, vor der Wohnung der Hartmanns um 22:00 Uhr antraf, wusste ich, dass ich nicht der einzige war. Ich wartete mit ihm vor der Tür, als er an der Tür klingelte. Das Klingeln war aber kaum hörbar wegen des kontinuierlichen Klopfens von innen. Ohnehin bekamen wir keine Antwort. Das Klopfen stoppte für ein paar Minuten, aber dann fing es nochmal an; so laut und systematisch wie zuvor. Hans war zornig; er sagte, er würde morgen die Polizei rufen, wenn das Klopfen nicht aufhörte.

Mit den neuen Ohrstöpseln konnte ich gestern – Gott sei Dank – schlafen. Das Klopfen war aber noch da, als ich sie morgens entfernte. Ich habe es ignoriert, zog mich an, ging die Treppen hinunter und wollte zur Arbeit gehen. Auf meinem Weg aus dem Gebäude traf ich Lucy; sie lebte auch im ersten Stockwerk, vor Hans.

„Hallo!“ sagte sie. Lucy sah ganz erschöpft aus.
„Hey Lucy, wie geht‘s? Du siehst sehr müde aus.“
„Ach, sag mir nicht, du kannst bei diesem Lärm schlafen! Hartmanns waren immer so ein friedliches Ehepaar, was ist denn mit denen passiert?“
„Vielleicht bauen sie ein Auto da drin”, sagte ich plötzlich. Sie hat nicht gelacht. Ich versuchte aber, das Gespräch zu retten: „Hans sagte, er würde heute nochmals dort hingehen.”
„Das hat er mir auch gesagt“, antwortete Lucy. „Er sagte mir aber nicht, wie es gestern ausging.”
„Ich war dabei. Sie haben nicht geöffnet”, antwortete ich in einer nonchalanten Weise.
Wir verließen beide das Gebäude und jeder ging zur Arbeit.

Diese Nacht, als ich zurückkam, hörte ich das Klopfen, sobald ich eintrat. Kontinuierlich, Schlag auf Schlag; so systematisch wie ein Uhrzeiger.
Auf Hans’ und Lucys Stockwerk war es still. Ich klingelte bei den beiden, um zu fragen, ob es nun an der Zeit wäre, endlich mit dem alten Ehepaar zu reden. Ich bekam aber keine Antwort.

Als ich an der Wohnung der Hartmanns vorbeikam, waren die Geräusche noch lauter. Zusätzlich bemerkte ich zwei neue Sachen: Erstens schien die Tür einigermaßen zu beben. Und zweitens hatten sich die Geräusche verändert. Das gleiche, langweilige Klopfen war noch da, aber hinzu kam noch ein neues Geräusch. Es war irgendwie metallisch; das Geräusch von Trommelstöcken auf einem metallischen Gegenstand. Die Frequenz des Klopfens hatte sich auch deutlich verdoppelt.

Das war’s! Ich musste jetzt dort hingehen! Das ist unmöglich; dieses gottverdammte Klopfen musste zu einem Ende kommen! Ich riss mich zusammen und stürmte aus meiner Wohnung. Bevor ich unten ging, fiel mir ein, dass ich Friedrich total vergessen hatte. Friedrich, der verrückte Bodybuilder-Kerl. „Hart arbeiten, hart spielen!”, war immer sein Motto. Nur am Freitag erhielt sein Motto eine andere Version, die „arbeiten” und „spielen” mit „trinken” ersetzt.

Friedrich wohnte im dritten Stock in der Wohnung, die meiner gegenüber liegt. Er fühlte sich in der Regel nie durch Lärm gestört. Wenn ich mit meinen Freunden hier zu Hause sehr laut feierte (so laut, dass Herr Hartmann immer nach oben kommen musste, um sich bei mir zu beschweren), hatte sich Friedrich dagegen nie beschwert. Ich nahm mein Handy heraus und rief ihn an.

Er antwortete sofort: „Ey, was geht?”…. „Ich? Ich bin hier zu Hause. Komm mal rüber!”
Ich ging zu Friedrich, wir tranken Tee und er verriet mir das Geheimnis seiner Gelassenheit und Ruhe (unter der Woche, nicht am Freitag): seine neuen [ Mack’s Snore Blockers] Schaumstoffohrstöpsel, die er tief in seinen Ohrkanal schob.
Nichtsdestotrotz kam Friedrich mit mir nach unten, um das alte Ehepaar zu beruhigen.
Ich gebe es zu: Ich hatte Angst, dort alleine hinzugehen. Warum, wusste ich nicht. Es war einfach etwas wegen dieses Schlagens. Dessen Eigenartigkeit war sehr intrigierend. Es war sehr bizarr, aber ich war neugierig. Ich wollte wissen, was da drinnen geschieht.

Zehn Minuten! Zehn Minuten lang standen wir beide vor der Tür. Ich klingelte und mein Nachbar klopfte kraftvoll mit seinem muskulösen Arm. Aber keine Antwort!
Ich war weg für einen Moment! Ich bin mir sicher, es kann nicht mehr als eine Minute gewesen sein. Mein Handy hatte geklingelt, es war meine Mutter. Ich musste antworten, also hatte ich mich bei Friedrich entschuldigt: „Ich bin gleich wieder da”, und ging nach unten, um sie besser hören zu können. Ich beendete mein Gespräch schnell mit meiner Mutter.

Plötzlich hörte ich einen kurzen Schrei. Ich eilte nach oben.
Als ich zurückkam, war Friedrich verschwunden. Friedrich hatte die Tür auf mein Klopfen hin nicht beantwortet; Lucy und Hans auch nicht.

Es war jetzt still. Das Klopfen stoppte. Die Ruhe und die Gelassenheit, die ich seit zwei Tagen nicht erlebt hatte, konnte ich jetzt genießen.

Ich war auf halbem Wege der Treppe, da hörte ich Friedrichs Handy klingeln.
Es klingelte aus dem Inneren von Hartmanns Wohnung. Es klingelte hinter der Tür.
Amr Wael
Klasse 11


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