Praktikum im Berliner Bundestag


Praktikum im Berliner Bundestag - Erfahrungsbericht von Yara Abbas Helmy



Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Ängste vor der Abreise
Kapitel 2: Erster Monat in Berlin
Kapitel 3: Arbeiten bei der Vizepräsidentin im Büro
Kapitel 4: IPS endet bald

Ängste vor der Abreise
Alles begann als ich eine Email von meiner Schulleiterin bekommen habe, in der sie mir von einem fünfmonatigen Stipendium in Berlin im Bundestag berichtete. Mein erster Eindruck war wie immer Verunsicherung: „5 Monate in Berlin sind zu viel für mich! Ich kann nicht so lange außerhalb Ägyptens leben.“ Ich wusste, dass dieses Praktikum perfekt sein würde für mein Studium und meine Kariere, aber trotzdem traute ich mich nicht. Trotzdem wusste ich, dass so eine Chance nur einmal im Leben kommen konnte. Ich habe alle Dokumente gesammelt und meinen Bewerbungsbogen fertig geschrieben und an die Deutsche Botschaft in Kairo geschickt. Ab diesem Moment habe ich mir von ganzem Herzen gewünscht, dass ich genommen werde. Genau nach einem Monat kam die Antwort in einer Email und ich konnte es nicht glauben, dass meine Bewerbung akzeptiert wurde.  Nach meinem Auswahlgespräch war ich immer noch nicht sicher, ob sie mich nehmen werden oder nicht, insbesondere weil ich so viele dumme Fehler während des Gesprächs gemacht habe. Aber irgendwie hat alles geklappt und ich wurde ins Programm aufgenommen. Als nächstes kam die Beantragung fürs Visum, was für uns Ägypter und nicht EU-Bürger, kein leichtes Verfahren ist, da wir unendlich viele Dokumente vorbereiten und abgeben müssen. Zu Beginn konnten wir keinen Termin bei der Botschaft bekommen, der innerhalb des Praktikumszeitraumes sein würde, trotz der Tatsache, dass es noch fast vier Monate bis zum Praktikum waren. Es war natürlich frustrierend, aber mit der Hilfe von den Kollegen in der Botschaft, die bereits über das IPS Programm Bescheid wussten, konnten wir doch noch so „kurzfristig“ einen Termin bekommen. Mein Visum bekam ich genau eine Woche vor der Abreise nach Berlin! Diese eine Woche war sehr emotional und stressig für mich, ich war sehr aufgeregt und gespannt auf die kommende Phase und ich hatte Angst vor Heimweh. Ich wusste auch, dass wir als Repräsentanten Ägyptens nach Berlin reisen würden und dass es keine leichte Aufgabe sein wird. Auf der einen Seite wird unsere Regierung von fast allen Ländern für die schlechte Lage der Menschenrechte kritisiert, auf der anderen Seite will ich nicht die ganze Zeit nur das Negative über mein Land hören und es „verteidigen“ müssen. Es dauerte für mich drei Tage, bis ich alles gepackt hatte was ich brauchen würde, und das bedeutete, dass ich Sommer- und Winterkleidung mitnehmen sollte, weil man das Wetter in Deutschland ja nicht gut einschätzen kann.

Erster Monat in Berlin    
Als wir in Berlin angekommen sind, war das Erste, was mir aufgefallen ist, dass es überall Umbauarbeiten in der Stadt gibt und das die Anzahl der Touristen sich erhöht hat im Vergleich zu vor 4 Jahren, als ich das letzte Mal da war. Bassma, die andere Stipendiatin aus Ägypten ist gleichzeitig mit mir geflogen und wir kamen zusammen an der Humboldt Universität an. Nachdem wir viel Papierkramm erledigt hatten, war für uns der Rest des Tages frei. Danach ging es heftig los mit einem vollen Programm fast ohne Freizeit. Unsere erste Woche war eine Einstiegswoche, die dazu diente, uns in das Programm zu führen und uns kennenzulernen. Wir sind 117 Stipendiateninnen aus 30 verschiedenen Ländern und was wir fast alle gemeinsam haben, ist unser Interesse an Politik und Gesellschaft. Uns wurde mehrmals gesagt, dass das wichtige an diesem Programm ist, dass man mit Toleranz und gegenseitigem Respekt miteinander umgehen soll, da wir alle aus verschiedenen Herkunftsländern kommen. Aber ich konnte schon nach den ersten paar Tagen merken, dass das kein Problem für uns sein wird, da die meisten von uns aufgeklärt und respektvoll sind. Wir wurden in zwei Gruppen geteilt, und ich gehörte zur Gruppe A – diese wurde dann noch in fünf Kleingruppen unterteilt. Unsere erste fünftägige Seminarreise ging nach Schmöckwitz in das Teikyo Berlin Hotel. Diese fünf Tage waren eine Gelegenheit, unsere Gruppe besser kennenzulernen und natürlich auch das Referat WI4. In diesen fünf Tagen hatten wir ein Interkulturelles Training, Debatten, Planspiele zu Minderheitenrechten und eine Exkursion nach Berlin. Unser Aufenthalt im Hotel was sehr angenehm, es gab ein Paar Probleme mit dem WLAN aber das gute Essen hat das wieder ausgeglichen, zumindest für mich. In der Woche nach Schmöckwitz hatten wir ein Programm, das uns die Gelegenheit gab, die Geschichte Deutschlands und der Stadt Berlin besser kennenzulernen. Wir besuchten das Deutsche Historische Museum, hatten eine Führung im Bundesrat und natürlich machten wir einen Stopp an der Berliner Mauer. Am 15. März war das erste Treffen mit unserem Büro, da traf ich zum ersten Mal meine betreuende Mitarbeiterin Caroline Flockenhaus, von dem Büro von Frau Edelgard Bulmahn, Vizepräsidentin des Bundestages, wo ich mein dreimonatiges Praktikum machte. Es gab noch im Programm Vorträge von den Universitäten zu verschiedenen Themen wie z.B. das Thema 'Diversität: Konflikt oder Chancen?' und 'Erinnerungskultur in Deutschland'. Diese Vorträge waren sehr interessant und umfassend, aber wir wollten mehr debattieren und argumentieren, anstatt nur die ganze Zeit etwas vorgetragen zu bekommen. Vor Ende des Monats hatten wir Stiftungsveranstaltungen bei den verschiedene Stiftungen FES, KAS und HSS und Medientage. Während meines Medientages haben wir das Hauptstudio von der Deutschen Welle besucht. Wir hatten eine Führung im Studio und wir saßen mit einem Mitarbeiter zusammen und lernten alles über die Arbeit in der DW und ihre Projekte im Außland. Nach diesem Tag entschied ich mich dafür, mich eines Tages bei der DW zu bewerben, da ich sehr beeindruckt war von ihrer Arbeit. Nicht, dass ich nie davon gehört habe, ganz im Gegenteil, ihre Reportagen und Berichte über die ägyptische Lage nach 2011 waren sehr zuverlässig im Vergleich zu anderen Mediensendern. Zuletzt hatten wir noch zwei wichtige Veranstaltungen, Arbeiten im DBT und der Fraktionstag. Bei der Veranstaltung 'Arbeiten im DBT' wurde uns erklärt, wie die Arbeit im Bundestag sein wird, und was auch von uns erwartet wird. Am Fraktionstag hatten wir die Gelegenheit, die Arbeit von 3 Fraktionen des Bundestages von Stellvertretern dieser Fraktionen besser erklärt zu bekommen. Nach diesem einen Monat war das Bild klarer für mich geworden. Ich dachte, dass ich wegen meines Studiums ein gutes Wissen über die verschiedenen politischen Systeme habe, aber schon ab dem ersten Tag, als ich im Bundestag ankam und die verschiedenen Begriffe hörte, wusste ich, dass ich noch vieles lernen muss. Aber dieser Einführungsmonat war sehr nützlich und hilfreich, um uns dann für die Arbeit im Büro vorzubereiten.


Arbeiten bei der Vizepräsidentin im Büro
Die Arbeit im Büro fing am 8. April an, es war auch eine Sitzungswoche und da konnte ich Frau Bulmahn schon kennenlernen, da sie in Berlin ist und nicht in Hannover (ihr Wahlkreis). Mein erster Tag fing um 12 Uhr mit einem netten Mittagessen mit den Kolleginnen vom Büro an. Dann wurde ich zu meinem Zimmer (Praktikantenzimmer) geleitet, was leider nicht direkt im Büro war, sondern separat, aber genau neben dem Büro. Das war etwas, was ich nicht so positiv fand, da ich nicht so ganz involviert sein konnte und nicht alles mitbekam, was im Büro passierte und natürlich war ich auch die ganze Zeit alleine. Mir wurde dann ein Terminkalender gegeben mit allen Terminen der Woche von Frau Bulmahn und mit den Veranstaltungen, zu denen ich mitgehen konnte. Ich war fasziniert von der ersten AG-Sitzung des Auswertigen Ausschusses. Die Themen, die diskutiert wurden, verfolgte ich mit großem Interesse. Meine Tätigkeiten im Büro waren vielfältig und nicht anstrengend, meistens sollte ich Vermerke für die Ausschuss-Sitzung vorbereiten, Veranstaltungen besuchen und einen kleinen Bericht dazu schreiben oder auch einen Artikel über ein bestimmtes Thema lesen und zusammenfassen. Was mir am besten gefallen hat, war die Vorbereitung auf ein Gespräch zwischen meiner Abgeordneten und einer Delegation aus Ӓgypten, die ich übernommen habe. Ich durfte an diesem Gespräch auch teilnehmen und die ägyptische Ministerin für Internationale Kooperation treffen. Bevor die drei Monate im Büro vorbei gingen, habe ich auch den Wahlkreis von Frau Bulmahn besucht, in Linden Hannover. Dort habe ich gesehen, wie Frau Bulmahn direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern arbeitet und wie die Bürger sich an sie gewendet haben, wenn sie Probleme hatten. Die Arbeit im Büro von Frau Bulmahn gab mir die Gelegenheit, viele wichtige Politiker aus Deutschland und auch aus verschiedenen anderen Ländern treffen zu können und mit ihnen zu diskutieren.

IPS endet bald
Der letzte Monat in Berlin hat angefangen und die Zeit geht schnell vorbei. Während ich diesen Bericht jetzt schreibe, haben wir nur noch knapp 3 Wochen übrig. Ich habe viele gemischte Gefühle. Zum einen bin ich froh, dass ich nach Hause zurückkehre, andererseits bin ich richtig traurig, dass die Zeit so schnell vorbei ging. Ich wusste, dass das IPS mir viele Türen und Wege öffnen kann und wird, aber trotzdem habe ich Angst, da ich weiß wie die Lage in Ägypten aussieht. Ich will nicht in irgendeinem Bereich arbeiten, sondern im politischen Bereich - sei es in der zivilen Gesellschaft oder NGOS. Ich muss sagen, durch den IPS hatte ich die beste Erfahrung meines Lebens bisher. Nicht nur auf der professionellen Ebene, sondern auch auf einer persönlichen Ebene. Hier habe ich eine Gruppe von Menschen getroffen, die mir gezeigt haben, dass es doch immer noch Hoffnung gibt eine bessere Welt zu schaffen für die nächsten Generationen.

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